zurück zum Pressebereich

Neue Mauer in Deutschland?

Gespalten über Qualität, Quote und Nation – die deutsche Popszene.

Von Klaus Walter / Zürcher Tagesanzeiger februar 05

In Deutschland reden sie mal wieder über ihr Lieblingsthema: Deutschland. «Mit Deutschtümelei hat dieser Sampler nichts zu tun.» So steht es geschrieben im Begleitheft von «Quotenrocker», einer CD, die 20 angloamerikanische Pophits ins Deutsche übersetzt. Aus «Sweet Child of Mine» von Guns'n'Roses wird bei Wolke «Mein süsses Kind», Besser ver(schlimm)bessern Visages New-Romantic-Hit «Fade to Grey» zu «Wir blenden grau» und die Ärzte übertragen «The KKK Took My Baby Away» von den Ramones politisch schlüssig auf deutsche Verhältnisse: «Die Wiking Jugend hat mein Mädchen entführt». Mit den Eindeutschungen protestieren die Macher von «Quotenrocker» gegen die Deutschquote im deutschen Radio. Für eine solche Quote von 35 bis 40 Prozent deutsch(sprachig)er Musik hatte sich unlängst eine Initiative aus Musikern und Politikern eingesetzt. Eine Anhörung im Bundestag erbrachte jedoch nur Appelle an die öffentlich-rechtlichen Radios. Nun ist die Quote - vorerst - vom Tisch und hinterlässt eine gespaltene Popszene. «Es geht nicht um eine Sprachquote im deutschen Radio, sondern um eine Qualitätsquote.» So spitzt Rocko Schamoni die «Quotenrocker»-Argumente zu und eröffnet eine Qualitätsdebatte.

Tatsächlich haben sich fast alle wichtigen Vertreter der avancierteren deutschsprachigen Popmusik gegen die Quote ausgesprochen, darunter die Hamburger Bands Blumfeld und Tocotronic sowie die ebenfalls auf «Quotenrocker» vertretenen Sterne, Superpunk und Bernadette La Hengst. Tocotronic liefern quasi den Song zum Thema: «Aber hier leben, nein danke» heisst ihre Absage an den neuen deutschen Nationalismus, der auch gerne in Gestalt eines «aufgeklärten Patriotismus» daherkommt. Das neue Tocotronic-Album «Pure Vernunft darf niemals siegen» wurde in den deutschen Feuilletons gewürdigt, als seis ein neuer Roman von Günter Grass.

Ähnliches geschieht mit jeder neuen Platte von Blumfeld, beide Bands belegen regelmässig Spitzenplätze in den Kritikercharts. Im Radio aber werden sie kaum gespielt. Offenbar ist ihre Musik zu ernst, zu politisch, zu kompliziert für die enggefassten Radioformate. Hier tut sich ein Graben auf zwischen E-Pop und U-Pop. Analog zur tradierten Unterteilung in «Ernste Musik» und «Unterhaltungsmusik» zeichnet sich innerhalb der immer weiter ausdifferenzierten Popmusik eine Trennung in E(rnsten)-Pop und U(nterhaltungs)-Pop ab. Mit der paradoxen Konsequenz, dass der neue E-Pop von der Kritik intensiv begleitet und nicht selten gefeiert wird, im Radio aber keinen Platz findet. Während umgekehrt der deutsche U-Pop permanent im Radio läuft, von der Kritik aber weitgehend ignoriert wird.

Entlang dieser Trennungslinie von E-Pop und U-Pop verläuft die Grenze zwischen Gegnern und Befürwortern der Quote, auch eine Grenze zwischen «politisch» und «unpolitisch», also eher links und eher rechts. Unpolitisch, unkompliziert, unprätentiös bis unscheinbar - so geben sich die Protagonisten der neuen deutschen Erfolgswelle, die sich allmählich zur Kenntlichkeit entwickelt und auch im Kommerzradio so gern genommen wird, dass eine Quote gar nicht mehr nötig ist. Im Unterschied zur Neuen Deutschen Welle der 80er Jahre verfügen die neuen deutschen U-Popper über keine gemeinsame ästhetische Programmatik, sie haben nicht einmal einen gemeinsamen Feind. Was aber verbindet Juli und Silbermond, Annett Louisan und Max Mutzke? Gewiss ein disziplinierter Wille zum Erfolg. Allem Anschein nach ein geheimnisloses Mittelmass, in dem sich viele Käufer wiederfinden. Ein merkwürdig aggressionsgehemmtes Mittelmass der Gefühlslagen lädt ein zur gefahrlosen Identifikation. Wie überhaupt keine Gefahr ausgeht von dieser Musik: keine Gewalt, keine Krankheit, keine Droge, keine derangierte Psyche, nicht mal eine zertrümmerte Gitarre.

Sind Juli, Silbermond, Annett Louisan und Max Mutzke womöglich alle Absolventen der selben Pop-Akademie? Haben sie dort gelernt, wie man es zu was bringt im Popgeschäft? Alle Kurse besucht, auch die langweiligen wie Pop-BWL und Pop-Steuerrecht? Haben sie sich dort nach der allgemeinen Stilkunde in der Abschlußklasse für ein bestimmtes Genre entschieden, wie von den Dozenten empfohlen? Silbermond kleiden ihr Faible für Dark Wave in eingängige Melodien und vage melancholische Trauerweidenlyrik, die sich zu einem prägnanten Image arrangieren läßt mit der sprichwörtlichen Tristesse ihrer gottverlassenen Heimat: Silbermond kommen aus Bautzen in Sachsen. Juli geben Hessens patente Antwort auf die Cranberries, versetzt mit Schwundstufen von Grunge.

«Bohème» fällt deutschen Spiessern zum leichten Leben der Franzosen ein; «Bohème» nennt Annett Louisan aus der Altmark ihren Versuch, zu beweisen, dass auch schwerblütige Deutsche dem savoir vivre etwas abgewinnen können. Sich selbst inszeniert Louisan als Pinup für potentielle Päderasten. »Mit ihren gerade mal 152 cm vom hübschen Blond-Scheitel bis zur Stiletto-Sohle« (Homepage) flötet petit Annett «Ich will doch nur spielen», deutsche Männer kaufens ihr ab. Auch Frauen, steht zu befürchten. Max Mutzke wird aufgebaut als deutsche Soulstimme. Vergleiche mit Marvin Gaye, Prince oder R.Kelly kann er nicht gewinnen, der arme Max. Walter Benjamin wusste schon 1927 um das Dilemma des Mutzke-Soul: «Was wir Kunst nannten, beginnt erst zwei Meter vom Körper entfernt.» Das Verdikt darf für die ganze neue deutsche Popblüte gelten. Aber vermutlich besteht genau darin das Erfolgsgeheimnis. Zu viel Körper, zu viel Soul, zu viel Kunst, überhaupt zu viel Aufregung ist tendenziell Kassengift.

Die Durchschnittstypen aus der Pop-Klasse U-2005 sind die heimatlichen Handwerk-hat-goldenen-Boden-Gegenmodelle zum vergänglichen, spekulativen, weniger »seriösen« Star-Versprechen der rasend rotierenden Castingshows des digitalen & globalen Spätkapitalismus. Quasi die legitimen Enkel des »rheinischen Kapitalismus«. Und der, mit seiner soliden Ohne-Fleiß-kein-Preis-Ethik, brachte den Deutschen schließlich ihr Wirtschaftswunder.

So gesehen, aus nationaler Perspektive, muss Max Mutzke gar nicht «gewinnen» gegen Marvin Gaye, müssen Juli gar nicht interessanter sein als die Cranberries. Sie können zufrieden sein mit ihrer begrenzten Popularität im deutschsprachigen Raum, schließlich sind sie Spitzenkräfte der «nationalen Popkultur».

Das Projekt «nationale Popkultur» wird nicht nur von den Verfechtern der Radio-Quote verfolgt. Ein wichtiger Schritt dorthin fand am 12.Februar in Oberhausen statt: Der Bundesvision Song Contest, Stefan Raabs Projekt, das kommerzielle Potential des Eurovision Song Contest für Deutschland nutzbar zu machen. Bereinigt von, so Raab, «osteuropäischen und orientalischen» Elementen - die vielen Kleinstaaten zwischen Balkan und Taiga hätten sich schliesslich am Grand Prix die Punkte gegenseitig zugeschanzt, so dass die Deutschen keine Chance hatten -, traten Vertreter der 16 Bundesländer gegeneinander an. Am Ende war Hessen vorn, mit Juli und «Geile Zeit».

Die neue Normalität konnte sich am Bundesvision Song Contest so «unverkrampft» präsentieren, wie das einst Bundespräsident Roman Herzog den Deutschen im Umgang mit ihrer Vergangenheit empfohlen hatte. Man war unter sich, ohne die aus dem Osten und dank der Abwesenheit der Anglo-Amerikaner frei von Minderwertigkeitsgefühlen. «Deutsches im eigenen Saft», kommentierte die Berliner «taz». So konstituiert sich schleichend eine geschlossene Gesellschaft und eine positiv besetzte Pop-Identität. Dass der Bundesvision Song Contest zwischen den 60. Jahrestagen der Befreiung von Auschwitz und der Bombardierung Dresdens über die Bühne ging, ist sicher nur ein Zufall. Allerdings wurde hier wie dort am deutschen Opfermythos gestrickt: Im Schlagerland waren die Deutschen Opfer der Balkanisierung des Ostens, in Dresden fiel das Wort vom «Bombenholocaust». Beide Diskurse taugen zur Revision der Geschichte und stärken die selbstbewusste Nation.

Inzwischen hat sich ein weiteres Bündnis formiert gegen die «positive Besetzung von Volk und Heimat, sowie einer sich durchsetzenden Affirmation deutscher Identität in der hiesigen Poplandschaft». Für ein «universalistisches Popverständnis» treten neben Blumfeld und Tocotronic weitere prominente Vertreter des E-Pop an, darunter Mouse on Mars, Kante und die Goldenen Zitronen. Die Front verläuft also nicht nur zwischen E und U, sondern auch zwischen U wie universell und N wie national. Der Name der Universalisten-Kampagne klingt denn auch wie ein Pop-Update des grössten Hits von Heinrich Heine. Den brachte es ja immer um den Schlaf, wenn er an Deutschland dachte in der Nacht. Heute heisst das: «I can't relax in Deutschland!»

zurück zum Pressebereich oder wieder nach oben