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Rap von Rechts

Im deutschen Hip-Hop hat Nationalismus Konjunktur

Von Manuel Lehnleidner / Jüdische Allgemeine Zeitung 18. August 2005

In Dessau wurde bis 1945 das Auschwitz-Gas Zyklon B produziert. Aus Dessau stammt auch die Rap-Gruppe DissauCrime, die vor kurzem ihr Hip Hop Album "Zyklon D Frontalangriff" herausgebracht hat Dort verkündet sie "Ich schiesse mit der Flak auf das ganze Judenpack" und weiter "Ich hasse die Fuck-Homo-Welt, und die ganzen schwulen Penner, es gibt nur einen Nenner, und der ist arisch, sag lieber gar nischt, sprich deutsch, Kauderwelsch ist Rotze, Scheiss Fotze, Ja, ich bin ein Nazi, Von wegen Stasi, Ich schlag' sie, Die SS hab ich als Rückendeckung". Als sie daraufhin als Nazis bezeichnet wurden, reagierten die DissauCrime-Jungs ernsthaft empört, schließlich habe man "einen Russen und enen Schwarzen in der Crew".

Dissau Crime ist kein Einzelfall. Eine der angesagtesten Battle-Crews, MOR, drohte schon vor Jahren in ihren Texten damit, Hip Hop Konkurrenten in "Gasduschen" zu schicken. Eine gewisser üba3ba veröffentlicht Songs mit Inhalten wie: "Ich sags wie Nazis, Jude riech an meiner Gasi![...] ich bomb Sharon an der Klagemauer und spreng Jerusalem zur After Hour [...] ob im Flugzeug oder im Hochhaus oder bei den Olympischen Spielen der Terror geht weiter bis sich die Juden verziehen".



Kruder Nazi-Hip Hop dieser Art ist zwar ein Randphänomen der Szene. Aber nationalistische Töne dieser Art hört man inzwischen auch im Mainstream. Im Frühjahr demonstrierte das Berliner Hip Hop Label Aggro Berlin in Person seines Künstlers Fler, daß rechter Rap sogar chartfähig ist. Flers Album "Neue Deutsche Welle" wurde zum Verkaufsschlager. In Frakturschrift wurde das Album mit dem abgewandelten Hitlerzitat "Ab 1.Mai wird zurückgeschossen" beworben. Im Video zum Titelsong schwenkt Fler die deutsche Fahne und läßt im Abspann mit steinerenen Blick einen deutschen Adler auf seinem Arm landen. Untermalt von Rock me Amadeus Sample rappt der Musiker dann "schwarz rot gold - hart und stolz". Vorwürfe hier werde mit nationalistischen und faschistischen Versatzstücken gearbeitet, wies Aggro Berlin zurück: "Keiner unserer Künstler oder Musiker ist rechtsradikal. Dieser Vorwurf ist absurd und entbehrt jeder Grundlage."



Vielleicht war der Versuch, ausgerechnet den ursprünglichen schwarzen Hip Hop deutsch zu erden, tatsächlich nicht ideologisch motiviert, sondern kommerziell. In jedem Fall ist das Experiment geglückt. Mit seinen bewusst eingesetzten Tabubrüchen und dem Image des stolzen deutschen Jungen, der sich bei den Ausländern erst durchboxen musste, hat der bislang zweitkalssige Rapper Fler es zu Szeneprominenz gebracht. Davon zeugen zahllose Hip HopInternetforen. Fler Fans sind ihm dankbar, endlich "Deutsch-Rapper" sein zu dürfen, die sich nicht mehr vor all den stolzen Ausländern schämen müssen, die die Hip Hop Szene lange dominierten. Das Phänomen Fler erklärt am besten, wenn auch ungewollt, ein weiteres Zitat aus der Pressemitteilung seines Labels: "Die Künstler, die ihre Musik bei Aggro Berlin veröffentlichen sind Produkte ihres Umfelds und der Gesellschaft, in der sie leben." Zu diesem Umfeld gehört der Rap selbst.



Seit einigen jahren schon zeichnet sich das Genre durch übersteigerte Gewaltphantasien, vulgärem Sexismus und aggressiver Homophobie aus. Von da zum nächsten Tabubruch, und sei es Auschwitz, ist der Weg nicht weit. Und die "Gesellschaft in der sie leben" ist zunehmend von neuem "unverkrampften" Nationalstolz gekennzeichnet, von der "jungen deutschen Mode", die Kleider in den Nationalfarben schneidert, bis zu Musikern, die eine deutsche Radioquote fordern. Lässt man das Rap-typische Gewaltvokabular und Provokationsgehabe weg, ist kein großer Unterschied zwischen Fler und der Elektropopband MIA mit ihrem Liebeslied an Deutschland Was es ist "Fragt man mich jetzt woher ich komme tu ich mir nicht mehr selber leid/ich riskier was für die Liebe/ ich fühl mich bereit." Flers Album hat in den Feuilletons für einige Aufgeregtheit gesorgt. Die verwandten Inhalte bei Mia wurden ignoriert. Fast scheint es, dass die Kritik nicht dem neuen Nationalismus in der Jugenkultur gilt, sondern seiner Artikulierung in der falschen Form. Ausgeblendet bleibt auch die Frage, ob Fler und Co nicht nur der deutlichste Audruck eines zunehmenden Nationalismus in der bundesdeutschen Kulturlandschaft insgesamt sind.



Gegen diese Tendenzen hat sich nun ein Kreis von kritischen Kulturtheoretikern, Musikern und Konzertveranstaltern zusammen getan. Das Kölner Label Unterm Durchschnitt der Leipziger Club Conne Island und das Beatpunk Webzine haben eine Buch-CD unter dem Titel "I Can't Relax In Deutschland" herausgegeben, desen Texte sich mit dem neuen Nationalismus in der Jugendkultur und der Gesellschaft insgesamt auseinandersetzen. Der beigefügte Sampler mit Musik von Kettcar, Tocotronic, den Goldenen Zitronen und Mouse on Mars setzt auch musikalisch einen Kontrapunkt zum rechten Pop und Rap.

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