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Das große Unbehagen (3sat)

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Eine Initiative gegen den unkritischen Blick auf Deutschland bei der PopUp

Auf der Leipziger Musikmesse Popup tummelt sich die Independent-Szene. Popkultur, die sich um Musik abseits des Mainstream, abseits der Major-Industrie dreht. Labels, Macher, Konsumenten - alle plaudern miteinander. Die Stimmung ist entspannt, doch nicht alle wollen relaxen. Eine Initiative, die der hiesigen Musiklandschaft kritisch auf's Maul schaut, stellt sich vor: "I can't relax in Deutschland". Im Visier haben sie den unkritischen Blick auf Deutschland.

Musikjournalist Martin Büsser erklärt, um was es geht: "Das Projekt wurde im letzten Jahr angegangen von einer Projektgruppe, die nach Musikern gesucht hat, die sich vorstellen können, eine Gegenstimme zu setzen gegen die Nationalisierungstendenz deutscher Bands und Musiker. Das ist dann immer mehr ausgewuchert. "Diese Gegenstimme zum deutsch-tümelden Charts-Einheitsbrei gibt es bald auf CD gepresst. Mit dabei sind so namhafte Bands wie Tocotronic, Mouse on Mars oder Von Spar. Theoretische Unterfütterung liefern Büsser und Co. in Form eines Begleitbuch

Rechte Symbole sind in die Mitte gerückt

Die unverkrampfte Anbändelung deutscher Popmusik an die neue alte Heimat steht im Mittelpunkt der Kritik von "I can't relax in Deutschland". Denn 60 Jahre nach Kriegsende blicken deutsche Künstler wie Heppner und van Dyk wehmütig stolz auf die Nachkriegsgeschichte. Betrauert werden die eigenen Opfer, Stein auf Stein wächst das Selbstbewusstsein: "Wir sind wir".

"Irgendwann rückten rechte Symbole in die Mitte, also ins Musikfernsehen und in Chartkompatible Musik", beobachtet Büsser. "Das ging los mit Gruppen wie Rammstein oder Witt, die ganz bewusst mit einer teutonischen Symbolik gespielt haben. Zur selben Zeit, Mitte der 90er, kamen Stimmen auf - damals von Kunze zum Beispiel - für eine Radioquote in Deutschland, die einen bestimmten Prozentsatz an deutschen Produktionen berücksichtigt, weil, so begründete er, der amerikanische Schund unser Radioprogramm dominieren würde."

Für Kettcar ist die Deutschquote kein Thema

400 Kilometer weiter nördlich bei der Band Kettcar in Hamburg ist die Deutschquote kein Thema. Die fünf Altpunker sind auch ohne Gesetz erfolgreich genug. Ihr im März erschienenes zweites Album schaffte es auf Platz vier der deutschen Charts. Die Diskussion um Quote und Nation bereitet ihnen Bauchschmerzen, daher unterstützen sie das Projekt. Was Gitarrist Erik Langer bei der Arbeit einiger Kollegen übel aufstößt: Es gebe ein wiedererstarktes Heimatgefühl und eine Popkultur, die sich nicht mehr zu schade sei, mit dem Begriff Nation zu spielen, meint er. "Wir wollen uns einfach dagegen wenden, in jeglicher Form, also auch durch diesen Sampler-Beitrag."

Sie wollten aufstehen und dabei klar machen, dass ihre Band mit diesen Dingen niemals etwas zu tun haben wolle. "Ich brauche keine Nation, um glücklich zu sein. Ich habe meinen Freundeskreis. Ich glaube, an der Hamburger Kunsthalle steht in den Beton eingraviert: 'Heimat ist eine Gemeinschaft der Gefühle', das ist ein sehr schöner Satz, finde ich."

Popkultur ist international

"Daheim auf der PopUp fühlt man sich wohl und pflegt einen entspannten Umgang mit den grenzenlosen, internationalen Wurzeln der Popmusik. "Die ersten Bands, die in Deutschland angefangen haben, Popmusik zu spielen, egal, ob es Ton Steine Scherben waren oder Can, hatten britische oder amerikanische Vorbilder", erklärt Büsser. "Das Ganze hat sich durchdrungen. Hip Hop kommt aus den USA, viele hier im Lande haben das anscheinend vergessen und denken, der komme aus Mannheim oder woher auch immer. Dass Popkultur sich international durchdringt, ist das Wichtige, was zur Zeit vergessen wird durch diese Debatte."

Auch Wolfgang Frömberg von "Spex", dem Magazin für Popkultur, übt Kritik. Pop werde für nationale Zwecke instrumentalisiert. Frömberg glaubt, dass "es eine Tendenz gibt seit Ende der 90er, Pop seitens der Politik zu vereinnahmen. In Deutschland ist das vorgekommen, mit dem Vorbild Großbritannien 'Cool Brittania' diese Kampagne und den Popkulturbeauftragten der Bundesregierung Sigmar Gabriel gibt es auch nicht umsonst."

Unbehagen gegenüber nationalem Bewusstsein

Thomas Mahmoud von der Kölner Band Von Spar schreit in Leipzig gegen Vereinnahmung und falsche Vorbilder an. Es ist ein Unbehagen gegenüber einem nationalen Bewusstsein, das Kulturkritiker Martin Büsser in der Gesellschaft auch außerhalb der Popmusik ausmacht. "Nach dem Mauerfall entwickelte sich eine Art Rückbesinnung auf die Nation", sagt Büsser. "Ich erinnere nur an ein Essay von Botho Strauß 'Anschwellender Boxgesang', in dem er ein bisschen Sympathie für rechte Jugendliche im 'Spiegel' bekunden konnte, weil ihnen eben die Identität fehlte. In den letzten Jahren zeigt sich das natürlich auch ganz besonders stark an Filmproduktionen wie das 'Wunder von Bern'. Solche Sachen, die versuchen, die Deutschen als ein geläutertes wieder normales Volk zu rekonstruieren. Deutschland muss weiter Thema der Kritik bleiben, und wer, wenn nicht die linke Popkultur, kann dies besser leisten. 162 Jahre nach Heinrich Heines "Nachtgedanken" bringt sein deutsches "Mutterland" noch immer viele um den Schlaf - nur heute heißt es eben: "I can't relax in Deutschland".

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